Wie sich Sanitärversorgung nachhaltig gestalten ließe (Teil 1)

In Deutschland spülen wir unser Geschäft mit Trinkwasser weg. Irgendwie wirkt das modern und bequem. Aber ist es wirklich zeitgemäß und vorbildhaft?

Weltweit haben 40% der Menschen keinen Zugang zu angemessener sanitärer Infrastruktur. In Indien machte vor kurzem die Aussage eines Politikers die Runde, dass Indien ‚mehr Tempel als Toiletten‘ hätte. Und tatsächlich haben allein in Indien über 814 Millionen Menschen keinen angemessenen Zugang zu sanitärer Infrastruktur und 614 Millionen betreiben Open Defecation. Die Menschen sind gezwungen ihr Geschäft im Freien zu verrichten. In Folge dessen kommt es vermehrt zu Ansteckungen und Krankheiten wie Cholera, Typhus und Diarrhöe.

Nur um einen Eindruck vom Ausmaß der Sanitärkrise zu geben:

Laut der German Toilet Organization sterben täglich über 3500 Kinder an den Folgen mangelnder Sanitärversorgung. Jedes Jahr fallen in den ‚Entwicklungsländern‘ mehr als 440 Millionen Schultage aufgrund von Erkrankungen aus, die mit mangelhafter Wasser- und Sanitärversorgung in Zusammenhang stehen. Ungenügende Sanitärversorgung und fehlende Toiletten führen außerdem zu hohen Schulabbruchraten, besonders unter Mädchen im Menstruationsalter.

Jedes Jahr fallen in den Entwicklungsländern fünf Milliarden Arbeitstage aufgrund von Erkrankungen aus, die mit mangelhafter Wasser- und Sanitärversorgung in Zusammenhang stehen. Ein weiteres Phänomen ist, dass in den wirtschaftsstarken BRICS- Staaten mehr als 10 Prozent der Bevölkerung ohne Toiletten leben müssen. In Russland und China leben sogar mehr als 25 Prozent der Menschen ohne angemessene Sanitärversorgung. Mehr als die Hälfte aller Menschen ohne Zugang zu sauberen Toiletten lebt in den beiden aufsteigenden Schwellenländern China (477 Millionen) und Indien (814 Millionen).

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Dabei handelt es sich bei dem Thema Sanitärversorgung, im Gegensatz zur Trinkwasserversorgung, um eine globale Krise. Denn neben den Low Development Countries in Afrika, sind auch Wirtschaftsnationen wie China, Indien, Russland, Brasilien und Mexiko betroffen. Mehr als 37 Prozent aller Menschen leidet unter dem Problem dass ihnen kein angemessener Zugang zu sanitärer Infrastruktur möglich ist.

Und dabei ließe sich das Problem ‚ganz einfach‘ lösen. Man baut Toiletten. Man klärt über Hygiene auf. Und man schafft die Möglichkeit sich die Hände zu waschen und das Bewusstsein, dass dies zur Vermeidung vieler Krankheiten beiträgt.

Aber wenn man nun Toiletten in Indien baut oder in der wasserarmen Sahelzone, dann macht unser europäisches System, Fäzes und Urin mit Wasser wegzuspülen, wenig Sinn. In vielen Gebieten gibt es während der Trockenzeit schon nicht genug Wasser für die Bewässerung der Felder oder zum Trinken. Warum sollte man da das Wasser für die Toilette verschwenden?

Ein nachhaltigeres Model, insbesondere für den globalen Süden, scheinen da die wassersparenden Toiletten zu sein, wie sie die Organisation Sulabh Foundation von Dr. Pathak baut. Oder die Toiletten, die komplett ohne Wasser auskommen, wie zum Beispiel die Trocken-Trenntoiletten, die wir gemeinsam mit unseren Partnern in Indien bauen.

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Die Vorteile der Trockentrenntoiletten, sowie der Komposttoiletten gegenüber den Wasserspültoiletten sind vielseitig. Sie sind dezentral einsetzbar, erfordern nur geringe Instandhaltungskosten, sparen Wasser und sie verhindern, dass Wasser verschmutzt wird und aufwendig wieder gereinigt werden muss. Außerdem ermöglichen sie, die Fäzes zu kompostieren und somit den Nährstoffkreislauf zu schließen.

Diese ist der erste Teil von zweien zur nachhaltigen Sanitärversorgung. In der nächsten Woche geht Thomas der Frage nach, wie eine nachhaltige Sanitärversorgung in Deutschland aussehen könnte und was Kleingärtner damit zu tun haben.


Wir freuen uns über den Gastartikel von Thomas Jakel.

Thomas ist Unternehmer und Mitgründer von Ecotoi. 2012 fuhren Thomas und drei Freunde mit dem Fahrrad von Berlin nach Indien, um auf nachhaltige Sanitärversorgung aufmerksam zu machen und Toiletten in einem indischen Dorf zu bauen. Den Dokumentarfilm zu der Tour und dem Projekt kann man kostenlos unter Guts for Change sehen.

Fotos: @ Johann Angermann

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