Nachhaltigkeit – eine Begriffsklärung

Nach-hal-tig-keit

Ein sperriges, unsinnliches Wort, das zur Zeit überall inflationär in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen zu hören und zu lesen ist.

„Nachhaltigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch ist etwas, das lange währt oder einen besonders einprägsamen Eindruck hinterlässt.“ (Bittencourt/Borner/Heiser 2003: 24)

Tobias Schlegl nannte es in seinem 2008 erschienenen Buch „Zu spät? So zukunftsfähig sind wir jungen Deutschen“ das schlimme N-Wort. Nun heißen wir seit nicht ganz zwei Jahren »Nachhaltigkeitsblock« und haben den Begriff »Nachhaltigkeit« hier noch nie geklärt.

Der Begriff und das Konzept der Nachhaltigkeit geht auf den Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714) zurück.
 Er veröffentlichte eine Schrift, in der er einen Weg aus der damaligen Holzknappheit aufzeigte.

»Es dürfe stets nur so viel Holz geschlagen werden, wie nachwachse. Man müsse den Wald ›mit Behutsamkeit‹ pflegen, nämlich so, dass ›eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes erfolget‹. Nur dann könne es ›eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung‹ geben.« (Hutter/Blessing/Köthe 2012: 26)

Er plädierte in seiner Schrift auch schon für sparsamere Öfen und Herde und besser wärmeisolierte Häuser. Außerdem forderte er, man müsse sich auf die Suche nach Ersatzstoffen für Holz machen (ebd.).

Seit der Rio-Konferenz 1992 und der dort verabschiedeten »Agenda 21« sind »Sustainable Development« oder »Nachhaltige Entwicklung« ein Begriff. Der Begriff wurde geprägt im Bundtland-Bericht »Our Common Future« von 1987 und definiert sich nach dem Bericht folgendermaßen

»Eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.« (Hutter/Blessing/Köthe 2012: 18)

In diesen beiden Definitionen werden mehrere Dimensionen angesprochen. Carlowitz nennt die Ökologie und Ökonomie und der Bundtland-Bericht spricht die soziale Dimension von Nachhaltigkeit an. Hier wird deutlich, dass Nachhaltigkeit ein Konzept ist, das mehrere Dimensionen hat. Es gibt viele verschiedene Modelle, die es veranschaulichen sollen. Am bekanntesten ist wohl das drei Säulen Modell (eine Säule für Ökologie, eine für Ökonomie und eine für Soziales, die gemeinsam die Nachhaltigkeit tragen).

Ich bevorzuge, weil in dem Säulenmodell die Dimension der Kultur fehlt, das Peacezeichen-Tortendiagramm zur Veranschaulichung (vgl. Bittencourt/Borner/Heiser 2003: 23). Kultur ist eine sehr wichtige Dimension, in der auch das Design verortet ist. Kultur ist die Dimension in der Bedeutung verhandelt wird (vgl. Sarasin, 2008: 118).

Tortendiagramm nachhaltige Entwickung

(vgl. Bittencourt/Borner/Heiser 2003: 23; eigene Darstellung)

Es geht in dem Konzept der Nachhaltigkeit um nichts geringeres als die Überlebenschancen und die Lebensqualität der Menschheit jetzt und in Zukunft. Dazu müssen alle vier Dimensionen berücksichtigt werden (ebd.).

Das englische Wort „sustainable“ bedeutet „schützen/aufrechterhalten“ und in dem Begriff „nachhaltige Entwicklung“ ist das Wort Entwicklung enthalten, das etwas verändern bedeutet. Das klingt nach einem Widerspruch. Nachhaltig hat etwas mit festhalten, bewahren zu tun und entwickeln bedeutet sich von Gegebenem wegzubewegen. Genau darum geht es bei einer nachhaltigen Entwicklung: Die Natur, das Klima, die Artenvielfalt, allgemein unsere Lebensgrundlagen, unsere Lebensqualität und letztendlich die Menschheit zu bewahren. Um das zu schaffen, müssen wir Gegebenes in Frage stellen und neu denken (also entwickeln) (vgl. Bittencourt/Borner/Heiser 2003: 24).

„Doch natürlich haben wir das Denken nicht neu erfunden – es geht auch nicht einfach nur um Denken, sondern vielmehr darum, Zukunftsfähigkeit als eine Kategorie in unserem Denken und Beurteilen der Dinge und in unserer Gestaltung und Wahrnehmung der Mitwelt fest zu verankern.“ (Bittencourt/Borner/Heiser 2003: 25)

Nach Niklas Luhmann besteht eine Gesellschaft aus Kommunikation. Gesellschaft kommt nur durch Kommunikationsakte zustande und setzt sich nur durch sie fort. Anderseits kann man auch Kommunikation nicht ohne Gesellschaft denken (vgl. Reese-Schäfer, 1999: 12).

Nachhaltige Entwicklung ist also ein Kommunikationsergebnis und muss gesellschaftlich immer wieder neu verhandelt werden. Es ist als eine regulative Idee zu verstehen, vergleichbar mit Werten, wie Freiheit oder Gleichheit. Die Idee der nachhaltigen Entwicklung bietet keine Lösungen, aber Umsetzungsmöglichkeiten „z.B. Vorsorge statt Nachsorge, regenerativ statt endlich, angepasst statt Patentlösung, Selbstorganisation (Empowerment) statt Macht der Apperate, Solidarität und vernetztes Denken statt Gruppenegoismus.“ (Bittencourt/Borner/Heiser 2003: 28)

Quellen:

Bittencourt, Irmela/Borner, Joachim/Heiser, Albert (Hrsg.): Nachhaltigkeit in 50 Sekunden. Kommunikation für die Zukunft. München: oekom Verlag, 2003

Hutter, Claus-Peter/Blessing, Karin/Köthe, Rainer: Grundkurs Nachhaltigkeit. Handbuch für Einsteiger und Fortgeschrittene. München: oekom Verlag, 2012

Reese-Schäfer, Walter: Niklas Luhmann zur Einführung. Hamburg: Junius, 2011

Sarasin, Philipp: Design – ein Handel mit Zeichen? In: Bühlmann, Vera/ Wiedmer, Martin (Hrsg.): pre-specifics. Komparatistische Beiträge zur Forschung in Design und Kunst. Zürich: JRP|Ringier, 2008