Nachhaltiges Design als Erfolgsfaktor für den Mittelstand

So hieß die Veranstaltung der Handelskammer, die ich am Freitag besucht habe. Und oh Wunder (hihi), die Veranstaltung war wirklich interessant, unterhaltsam und inspirierend. So eine Veranstaltung hätte ich der Handelskammer gar nicht zugetraut. Dass das keine dröge Handelskammerveranstaltung geworden ist, lag aber sicherlich daran, dass es eine Kooperation mit Schweden war und ist der erfrischenden und sympathischen Art der Schweden zu verdanken.

Das Ganze war eine Fachveranstaltung zur Ausstellung des Design S, Swedish Design Award 2010/2011, die im Moment in der Europapassage zu sehen ist.

Sehr unterhaltsam war der Vortrag von Prof. Dr. Michael Erlhoff von der Köln International School of Design. Er hat Fotos von einer kleinen Untersuchung zum Thema »My desk is my castle« gezeigt. Er hat also untersucht, wie die Schreibtische in verschiedenen Büros verschiedener Branchen in verschiedenen Ländern aussehen.
Es war erheiternd zu sehen, wie sich der Schreibtisch von einem Banker in Deutschland und Asien unterscheiden und wie im Vergleich dazu die Schreibtische in Designbüros (diesmal in Italien und Asien) aussehen.

Mit dieser Untersuchung hat er aufgezeigt, welche Bedeutung Dinge haben: wir ordnen uns ein bzw. grenzen uns von anderen ab. Früher haben sich hauptsächlich Männer über die Autoschlüssel (also die Automarke) und die Zigarettenmarke, die auf Ihrem Schreibtisch lagen identifiziert. Heute erfüllt das Smartphone diese Funktion.

Erlhoff hat auch noch betont, dass es Bedarf an neuen Dienstleistungen (Servicedesign) gibt, wie z.B. die gemeinsame Nutzung von Dingen (z.B. von Autos). Eine These von ihm in dem Zusammenhang war auch: »Kaufen macht Spaß – Besitzen frustriert«, denn um Besitz muss man sich kümmern, ihn pflegen, er benötigt Platz usw. Aus dem Grund hat er vorgeschlagen, ob man nicht Geld mit Schaufensterbummel verdienen solle. Also das Gefühl von Shopping erzeugen, aber ohne dass etwas gekauft wird.

Oscar Magnuson (Creativ Director und Industrie Designer) zeigte in seinem Vortrag, was sich nachhaltige Unternehmen von Marken (Luxusmarken), wie Apple oder Porsche abgucken können. Diese Marken haben eine besondere Designstrategie:

  • sie besitzen eine starke Leidenschaft, für das was sie verkaufen/produzieren
  • sie agieren in einer gewissen Superlative, d.h. dass sie sich nicht mit anderen vergleichen und ihre Kunden nicht befragen, was diese wollen
  • es braucht/vergeht Zeit, bis man ein Produkt bekommt (grade bei Autos)
  • die Produkte sind rar
  • die Marken haben eine Nähe zur Kunst
  • und sie verkaufen einen Traum.

Diese Marken produzieren wenige langlebige Produkte und sie bauen eine Beziehung zu ihren Kunden auf. Sie haben eine starke, klare Identität und davon ausgehend läuft die Designstrategie parallel zu der Unternehmensstrategie.

Zum Schluss hat noch Henrik Wettergren von Södra ein neues Material »DuraPulp« vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine Bio-Kunstfaser aus Zellstoff, die kompostierbar ist. Er beschrieb die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Designbüro »Claesson Koivisto Rune«. Die Designer entwickelten aus dem Material einen Kinderstuhl und eine Lampe, die auch grade den Design S Designpreis gewonnen hat und in der Europapassage zu sehen ist.

Kritisch anzumerken ist, dass es natürlich keinen bio-fairen Kaffee und Tee und auch keine Bio-Schnittchen gab (und auch kein Viva Con Aqua Wasser, um dass auch noch mal erwähnt zu haben) – sondern nur den Handelskammerstandard. Das habe ich natürlich gleich auf meinem Feedbackbogen angemerkt (und nicht nur für Veranstaltungen, die etwas mit Nachhaltigkeit zu tun haben).

Schade ist auch, dass sich scheinbar immer nur Designer für Design interessieren. Meiner Einschätzung nach waren 80% des Publikums mal wieder Designer.

Wo sind denn die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die von nachhaltigem Design profitieren können?

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2 thoughts on “Nachhaltiges Design als Erfolgsfaktor für den Mittelstand

  1. Der Mittelstand hat für sowas sicherlich (noch) keine Zeit/Geld/Verwendung. Die strampeln sich ab, um hohe Steuern zu bezahlen und die nächsten Aufträge zu generieren.
    Wenn dem Mittelstand das Wirtschaften erleichtert würde, würden sicherlich viele Unternehmen auf Nachhaltigkeit bauen.
    Im Moment fühlt es sich eher an, als wenn dem Mittelstand immer mehr Steine in den Weg gelegt und immer höhere Steuern und Abgaben aufgedrückt werden.
    Der Mittelstand wird in Deutschland ausgenommen.

    • Hallo Beate, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich glaube aber der Grund dafür, dass (meiner Einschätzung nach) zu wenige kleine und mittelständische Unternehmen die Veranstaltung besucht haben ist eher darin zu sehen, dass der Wert von Design oft immer noch unterschätzt wird. Design wird als lästiger Kostenfaktor gesehen und nicht als wichtiger Teil der Unternehmensstrategie und als Instrument zur Positionierung.

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