Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie anspreche… Die neue rhetorische Strategie der Bahn-Bettler

Neulich ist es mir mal wieder passiert. Ich sitze in der S-Bahn, die Türen werden geschlossen, die Bahn fährt an und plötzlich ist laut und deutlich eine Stimme zu hören: „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie anspreche. Mein Name ist… ich bin obdachlos seit … usw. ” Dieses Phänomen, der neuen rhetorischen Strategie einiger Bahn-Bettler, beobachte ich schon seit einigen Jahren. Eine Person hat mal damit angefangen und nun haben weitere Obdachlose diese Strategie übernommen – sie scheint also recht erfolgreich zu sein. Dies möchte ich als Anlass für eine kleine rhetorische Analyse nehmen.

Wenn früher jemand in der Bahn gebettelt hat sah es häufig so aus: Derjenige geht durch die Wagons, murmelt an jedem Vierersitz, oft kaum verständlich, etwas von wegen kleine Spende für einen Obdachlosen oder ähnliches und hält den Fahrgästen einen Becher mit Kleingeld hin.

Die neue Strategie sieht nun so aus, dass sich der Obdachlose, für alle im Wagon hör- und sichtbar, vorstellt, quasi eine kleine Rede hält, in der er um eine kleine Spende bittet. Das ist (eigentlich) ein Verstoß gegen das aptum, also gegen das rhetorische Kriterium der Angemessenheit: Der Bettler „belästigt“ die Fahrgäste, die in der Bahn sitzen um von A nach B zu kommen mit seinem „Lebensschicksal“, was gegen das äußere aptum verstößt, also gegen die Angemessenheit hinsichtlich Ort, Zeitpunkt und Gegenstand der Rede. Was er aber mit diesem Verstoß bewirkt ist natürlich die Aufmerksamkeit der Fahrgäste.

Der Redebeginn „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie anspreche. Mein Name ist… ich bin obdachlos seit … . ” ist eine insinuatio – eine Kontaktaufnahme unter erschwerten Bedingungen, eben wegen der fehlenden Angemessenheit. Das heißt, das Publikum steht dem Redner nur bedingt oder gar nicht wohlgesonnen gegenüber (vgl. Ottmers, 2007: 55). Die Entschuldigung für die Störung soll die Fahrgäste dem Anliegen des Redners gegenüber freundlich stimmen.

Nach der Vorstellung als Obdachloser folgt oft eine kurze Geschichte, wie z.B. dass der Schlafsack geklaut wurde oder dass die Notunterkunft Geld kosten würde. Diese illustrativen Beispiele sollen die Argumentation bekräftigen, Mitleid erregen und an die Emotion des Publikums appellieren (pathos).

Die Argumentation nutzt den Topos der Person. Ein Topos ist eine Schlussregel bzw. der Beweis, mit dessen Hilfe von dem Argument auf die Konklusion geschlossen wird. Der Obdachlose argumentiert mit seiner Person (namentliche Vorstellung) und seinem „Lebensschicksal“ (obdachlos). Außerdem argumentiert er auch mit dem Topos aus Grund und Folge: Grund: obdachlos, Folge: keine Arbeit und somit kein Geld, Handlung: muss betteln gehen.

Zum Schluss seiner Rede entschuldigt sich der Bettelnde erneut für die Störung und wünscht noch einen schönen Tag/Abend/Feierabend. Dies soll die Fahrgäste erneut freundlich und ihm gegenüber wohlwollend stimmen, da er anschließend die Spenden um die er gebeten hat, einsammeln wird.

Die neue Strategie ist geprägt durch große Höflichkeit. Rhetorisch gesehen ist Höflichkeit eine Bedingung zur Ermöglichung der Überzeugung des Zuhörers. Höflichkeit dient dazu das eigene Image und das des Gegenübers zu waren und lässt sich der ethos-Lehre zuordnen (vgl. Knape, 2012: 9 f). Ethos soll mit der Glaubwürdigkeit des Sprechers überzeugen und ist neben logos und pathos einer der drei Appelle, die in der Rhetorik als Überzeugungsmittel dienen.

Literatur:

Ottmers, Clemens: Rhetorik. 2. Auflage. Stuttgart/Weimar: Verlag J.B. Metzler, 2007

Knape, Joachim: Der rhetoriktheoretische Ort der Höflichkeit. In: Beetz, Manfred (Hrsg.): Rhetorik 2012, Band 31, Heft 1. Berlin/Boston: Walter de Gruyter, 2012

Dieser Beitrag wurde unter Leben veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.