Das Design von Mobiltelefonen – Welche Rolle spielt es in Bezug auf Umweltbelastungen und Wiederverwertbarkeit? Interview mit Industriedesignerin Astrid Lorenzen

Astrid Lorenzen

Astrid Lorenzen ist selbständige Industriedesignerin und setzt ihren Schwerpunkt auf ecointelligentes Design. Für sie gehört zu einem guten Produkt nicht nur eine schöne Form, sondern auch, eine möglichst ressourcenschonende und sozialverträgliche Herstellung.

 

80% der Umweltbelastungen eines Mobiltelefons werden schon bei der Gestaltung des Geräts festgelegt. Das sind krasse Zahlen. Was muss bei einem Mobiltelefon in Bezug auf das Produktdesign beachtet werden, damit das Gerät material- und energiesparend hergestellt werden kann?

Solange noch keine Materialien mit neutraler Ökobilanz für die Massenfabrikation zur Verfügung stehen, sollten die bestehenden Materialien so ressourcenschonend wie möglich genutzt und optimal auf ihre Anwendung zugeschnitten werden.

Der Trend zur Miniaturisierung der Geräte, gibt die Möglichkeit Material einzusparen z.B. beim Gehäuse. Jedoch ist die Miniaturisierung auch dafür verantwortlich, dass komplexe Rohstoffe verbaut werden müssen. Ließe man in Gehäusen mehr Platz für größere Kondensatoren, könnte man beispielsweise auf den Konfliktrohstoff Tantal verzichten.

Ein Gehäuse aus biobasierten Kunststoffen kann unter den richtigen Bedingungen (Produktion, Transport) petrole Rohstoffe sparen.

Der größte Energieverbraucher beim Mobiltelefon ist das Display. Alternativen zum üblicherweise verbauten LCD wäre ein OLED, das ohne Hintergrundbeleuchtung auskommt und dazu noch sehr leicht, dünn und biologisch abbaubar ist. Gegen ein OLED spricht seine kurze Haltbarkeit. Verzichtet man auf ein Farbdisplay, wäre auch ein E-Paper Display eine sehr energiesparende Alternative (s. Motofone).

Für die Energieeffizienz kann bei der Konstruktion der Netzteile darauf geachtet werden, dass diese keine – oder zumindest wenig – Energie verbrauchen, wenn kein Telefon angeschlossen ist. Nokias Netzteile erinnern sogar ans Abziehen des Steckers nach dem Aufladen.

Die Verpackung kann möglichst klein gestaltet werden und somit CO2 beim Transport einsparen. Zudem kann die Bedienungsanleitung als Software auf das Gerät geladen werden oder per QR Code zu einer Onlinebedienungsanleitung geführt werden.

Was ist bei der Gestaltung des Gerätes im Hinblick auf die spätere Wiederverwertung zu beachten?

Für die Wiederverwertbarkeit ist die Art der Verbindung der Komponenten wichtig. Damit Teile im Recyclingprozess wieder von einander getrennt werden können, sollten diese nach Möglichkeit entweder verschraubt (mit handelsüblichen Profilen), geklippt oder gesteckt werden. Denn zum Beispiel Displays werden in der ersten Recyclingstufe per Hand ausgebaut und teilweise aufgearbeitet.

Mit einem modularen Aufbau könnte man einzelne Komponenten auch dann weiter nutzen, wenn andere veraltet sind. Ein denkbares Szenario wäre ein Smartphone mit vom Display abtrennbarem (und separat benutzbarem) Telefon-Teil. Bei einem Technologiewechsel von UMTS auf LTE könnte man einfach dieses Telefon-Teil auswechseln, aber den Rest des Smartphones weiter nutzen.

Die Zugänglichkeit zu wichtigen Bauteilen sollte gewährleistet sein und deshalb das Gehäuse weder verklebt noch vernietet sein. Das ist die Voraussetzung, um kaputte Komponenten auszutauschen oder selbst zu reparieren und somit die Nutzungsdauer eines Gerätes zu verlängern. Für Reparaturen wäre auch eine gute Anleitung und Support seitens des Herstellers eine Hilfe.

Die Nutzungsdauer zu verlängern ist auch aus Recycling-Gründen sinnvoll. Zwar funktioniert das Recycling von Gehäuse, Display und vielen Metallen schon sehr gut, aber das Recycling von verbauten Elementen der seltenen Erden wie Neodym ist noch sehr aufwendig. Es wird erst von einer Firma in Frankreich im großen Maßstab betrieben.

Unter Umständen, je nach Separationsverfahren kann auch die Farbwahl bei einem Kunststoffgehäuse entscheidend sein, ob die Recyclinganlage den Kunststoff erkennen und somit trennen kann. Besonders schwer detektierbar sind hochwertige schwarze Kunststoffe.

Man weiß von Apple, dass bei der Produktion der Geräte viel geklebt statt geschraubt wird, was vorher so beim Produktdesign festgelegt worden ist. Hast Du das Gefühl, dass das Thema Wiederverwertbarkeit bei den Herstellern angekommen ist und beim Design berücksichtigt wird?

Durch die zunehmende Verknappung einiger Rohstoffe und den Anstieg des Goldpreises steigt das Interesse vieler Unternehmen an der Wiederverwertung ihrer Produkte. Daher streben einige Hersteller ein Pfand- oder Leihstystem von Elektrogeräten an. Viele Altgeräte kommen allerdings gar nicht zurück in den Wertstoffkreislauf, sondern werden nach Afrika verschifft oder liegen ungenutzt in Schubladen. Wiederverwertbarkeit im Sinne von Weiterverwerten wird meist durch die Gestaltung erschwert. Ein Beispiel sind Apple Geräte, bei denen der Akku nicht austauschbar ist.

Es gibt jedoch auch Hersteller, welche die Wiederverwertung ihrer alten Geräten fördern, wie Nokia. Nokia verwendet ebenfalls Biokunststoffe und recycelte Materialien in Neugeräten.

Das Bewußtsein für die Relevanz der Wiederverwertbarkeit von Produkten kommt nach und nach bei Produktdesignern an. Ein Beispiel dafür ist das Sustainable Design Center, wo sich Designer interdiszipinär Themen wie dem Gestalten in Hinblick auf Recyclingfähigkeit widmen.

Stichwort: Geplante Obsoleszenz – Hast Du das Gefühl (oder weißt Du vielleicht auch), dass Hersteller von Elektrogeräten das Ende der Produktlebensdauer gezielt mit einplanen?

Als prominente Beispiele für geplante Obsoleszenz dienen häufig das Glühlampenkartell von 1924 und die Epson Drucker mit „waste counter“ (nach 20.000 Seiten ist Schluss). Meiner Meinung nach steht die Gestaltung und die Wahl der Materialien in Verbindung mit der angestrebten Lebensdauer und dem Preis eines Produktes. So kann man das ästhetische Altern eines Produktes durch die Verwendung von leicht zerkratzenden Materialien (z.B. lackierter Kunststoff statt Metall) steuern. Geräte wie Mobiltelefone, werden auf den Zeitpunkt des Verkaufs hin optimiert, nicht auf eine lange Lebensdauer. Diese eher kurzlebigen Produkte unterliegen oft wechselnden Moden, es wird viel in das Styling investiert. Der „Gebraucher“ hat so nach einiger Zeit schon das Gefühl ein neues Gerät kaufen zu müssen, da sein Gerät nicht mehr modisch erscheint und neue Geräte mit neuen Features locken. Viele Verbraucher erwarten nicht mal, dass ihr Gerät länger als zwei Jahre hält.

Wir danken Astrid ganz herzlich für das ausführliche Interview!